Theater, Theater – Eine Kindheitserinnerung

Dank meines Kollegen Damian Kaufmann wurde ich auf die BlogParade #KultBlick des Archäologische Museums Hamburg aufmerksam. Hier nun mein Beitrag, wie ich zur Kultur kam.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, ich war etwa acht oder neun Jahre alt, als meine Großeltern meine Schwester und mich das erste Mal mit ins Theater nahmen. Auch das erste Stück, das wir dort gesehen haben, will mir einfach nicht mehr einfallen. Woran ich mich aber noch genau erinnern kann, das ist das Gefühl des Besonderen, des Aufregenden. Meine Erinnerungen sind voll davon. Und wenn ich die Augen schließe, dann entstehen Bilder in meinem Kopf von glitzernden Kleidern, lachenden Menschen und ich höre die Musik langsam aufspielen…

Der Vorhang hebt sich

In unserer Stadt steht kein Theater im eigentlichen Sinn. Das Wilhelm-Bendow Theater in Einbeck ist vielmehr eine etwas pompös gebaute Aula in meiner alten Schule. Mit mehr als 800 Plätzen recht groß für eine Kleinstadt, aber mit seinen dunkelroten Sesseln, der großen Bühne und den holzvertäfelten Wänden ist es in meiner Erinnerung ein heimeliger und faszinierender Ort. Als ich noch ein Kind war, bestanden meine Großeltern darauf, dass wir Kinder schon früh mit ihrer Definition von Kultur in Berührung kamen. Meine Schwester verlor leider sehr schnell das Interesse daran, was gut war für mich, denn so konnte ich dafür öfter meine Großeltern begleiten. Oma hatte immer davon geschwärmt, wie schön es für sie war, damals in den Nachkriegsjahren, wenn ihr Vater sie mitnahm ins Theater. Es hatte für uns beide einen Hauch des Besonderen, wenn wir am Wochenende uns in die schönen Kleider hüllten und dann zusammen mit den anderen Gästen ins Foyer der Schule traten. Das Anstehen an der Garderobe, Menschen die in gelöster Stimmung ihre Sektgläser aneinanderstießen. In meiner Erinnerung fühlt es sich an wie ein Film über andere Zeiten, wenn ich daran zurückdenke. Wir gaben unsere Jacken ab, es wurden Freunde begrüßt, dann betraten wir den großen Saal. Unsere Plätze waren immer mittig in der fünften Reihe. Die ersten vier Reihen waren ebenerdig, während die fünfte die erste Reihe war, die etwas erhoben war. So konnte ich alles auf der Bühne uneingeschränkt beobachten. Ich höre noch das Klingeln der Glocke, die die Besucher in den Saal lockte und den Beginn der Vorstellung in greifbare Nähe rückte. Dann kam der Moment, wenn die Lichter im Saal langsam ausgingen, das Gemurmel verstummte und dann der Moment völliger Stille und Dunkelheit. Ich habe während dieses Momentes immer Gänsehaut gehabt. Und dann schwang der große Vorhang majestätisch zur Seite und wir tauchten ein in eine andere Welt.

Geschichten und Geschichte

Ich habe viel gesehen, damals im Theater. „Der Bettelstudent“ nahm mich mit auf eine Reise nach Krakau, mit fulminanten Kostümen und beeindruckenden Stimmen. Weniger beeindruckt war ich hingegen von meinem Großvater, der in seeliger Erinnerung an das Stück auch noch Tage danach vergeblich versuchte, gesanglich den Schauspielern das Wasser zu reichen. Ich sah die Geschichte von Jacques Offenbach, erlebte eine neue Version des kleinen Lords und tanzte zum Wiener Blut. Ich feierte mit Mackie Messer, sah jedes Jahr im Januar ein anderes Orchester bei der Neujahrsgala und war hingerissen von der Magie der zwölf Tenöre – musikalisch, versteht sich! Aber mit dem Abonnement meiner Großeltern, dass zur Zeit meines Abiturs ein Ende fand, was der Zauber für mich noch immer nicht gebrochen. Hatte zuvor das Abonnement meine Reisen vorgegeben, begann ich im Studium selbst mein Programm zusammenzustellen. Das Angebot von Operetten hatte mit den Jahren abgenommen und war bis zu meiner Zwischenprüfung 2006 komplett verschwunden. An seine Stelle traten Musicals und Boulevardtheater, Irish Dance und Comedy, wobei letztere mich nicht so begeistern konnte. Das Theater hingegen war wundervoll. Ich sah Harry und Sally sich ineinander verlieben, ich stieg mit Allan Karlsson aus dem Fenster und rannte davon und hielt den Atem an, als Götz Otto in seiner Rolle als George V in „The kings speech“ zu seiner Rede ansetzte! Kein Film hat mich jemals so ergreifen können, wie es das Theater tat.

Die Realität hinter den Stücken

2011 begann ich neben anderen Bereichen auch für den Kulturring zu arbeiten. Ich lernte über die Planungen der Saison, über die Abläufe der Veranstaltungen und bangte jedes Mal aufs Neue mit, wenn es um die Besucherzahlen ging. In einer kleinen Stadt ein großes Theater zu bespielen ist eine Herausforderung. Und ich musste sehr schnell begreifen, dass das, was ich immer so geliebt hatte – Operette und Boulevard – nicht bei vielen Menschen meine Begeisterung hervorrief…oder überhaupt irgendeine Form von Begeisterung. Generell musste ich feststellen, wie schwer es ist, besonders die jungen Menschen unserer Zeit für das Theater zu begeistern. Zu der Magie der Theaterabende gesellte sich eine Ernüchterung über die Kehrseite meiner Glitzerwelt. Wie alle Erinnerungen aus Kindertagen stellt sich eines Tages Wehmut ein, weil man feststellen muss, dass die Zeiten sich geändert haben. Von allen meinen Arbeitsbereichen habe ich im Theater wohl am meisten Herzblut gelassen. Und das lasse ich heute noch dort, auch wenn mein Lebensweg mich beruflich weiter und meine Abende mich mehr auf Meetings denn ins Theater führen. Und eine Erkenntnis wird mich immer begleiten: Kultur ist nicht staubig, nicht langweilig oder trist! Kultur ist Leidenschaft, ist Aktion und Begeisterung! Kultur ist etwas, was den Menschen berührt und belebt! Kultur ist mehr als bunt: sie macht das Leben bunt!

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